Handkantenschlag

„Und nun hatte sie die Liebe gefunden. Aber das konnte sie ihren Freundinnen nicht erzählen. Unter keinen Umständen konnte sie es mit ihnen teilen, deshalb ging sie in diesem Sommer auf Friedhöfe.“

Es sind überwiegend schräge Figuren mit schrägen Ansichten, die Dorthe Nors in ihrem Kurzgeschichtenband „Handkantenschlag“ versammelt hat. Ob es nun die Frau ist, die auf dem Friedhof spazieren geht, weil sie sich verliebt hat und niemandem davon erzählen will, oder der Mann, der weil er nicht schlafen kann im Internet nach den Beweggründen weiblicher Serienmörder forscht. Und: es sind durchweg sehr fantasiereiche Protagonisten, die uns die dänische Schriftstellerin präsentiert.

Für meinen Geschmack sind die meisten der insgesamt 15 Geschichten aber zu fantasiegeladen – einer einfachen Deutung entziehen sie sich, ich würde sogar sagen, dass die meisten der Geschichten sich bewusst einer Deutung entziehen wollen. In einzelnen Geschichten kommen aber auch leise Töne zum Vorschein, die getragen sind von genauen Beobachtungen und melancholischen Bildern. In der Erzählung „Beim Friseur gegenüber der Münzwäscherei“ ist beispielsweise sehr gut eingefangen, was es heißt, in der Großstadt jemanden flüchtig zu kennen. Die Erzählung „Das Schweben“ beschreibt zutiefst einfühlsam, was eine Trennung an Gefühlen mit sich bringt. Eine Sonderstellung nimmt „Die große Tomate“ ein, wo es um eine ungewöhnliche Liebesgeschichte voller grotesker Komik geht – es ist die einzige derartige Geschichte in dem Sammelband. Als Ganzes hat mich der Band nicht überzeugt – mit zu vielen der Geschichten konnte ich nicht wirklich etwas anfangen. Der Wunsch, sich auf eine Parkbank neben einen toten Reiher zu setzen – das ist mir einfach zu abwegig.

Eine Warnung sei abschließend aber noch ausgesprochen: Wer sehr tierlieb ist, sollte diesen Erzählband nicht zur Hand nehmen. Es kommen darin massenhaft Tiere zu Tode – auf nicht natürlichem Wege. Ein Sinnbild für das gespaltene Verhältnis zwischen Mensch und Natur, das in Dorthe Nors‘ Texten immer wieder zum Vorschein kommt.

Dorthe Nors:
Handkantenschlag, Erzählungen,
übersetzt von Ulrich Sonnenberg,

Osburg-Verlag, 2014,
ISBN 9783955100704

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Der junge Goethe

Frech ist er, vorlaut und von sich eingenommen: Goethe in seinen jungen Jahren. Für die Goethe-Stiftung hat David Maier die Jahre von Goethes Geburt 1749 bis hin zu seiner ersten längeren Anstellung in Weimar ab 1776 in fünf kurze Szenen münden lassen. Naja, eigentlich hat er sie komplett neu bearbeitet und zeitgemäß verpackt. „Thank you for travelling with Deutsche Postkutsche“ heißt es da zum Beispiel. Es wird deutlich mehr aus Goethes Leben nachgespielt als nacherzählt. Kurzum: sein Leben ist in Szene gesetzt.

„Der junge Goethe“ ist so ein lockerer Zusammenschnitt unterschiedlicher Episoden aus Goethes Leben. Das verhasste Jura-Studium kommt ebenso vor wie der wenig politikbegeisterte Herzog August von Weimar. Wer Goethe noch nicht so kennt, bekommt einen ersten Einblick in zentrale Stationen (weniger Themen) seines Lebens.

Das Hörbuch ist gut für jüngere Hörer geeignet, die Sprache ist leicht, die gespielten Szenen unterhaltsam. Aber auch die älteren Hörer, die dies und jenes von Goethe schon kennen, werden an diesem Hörbuch ihre Freude haben. Nicht nur, dass es humorvoll, witzig und spritzig ist.  Es gibt Anspielungen auf Goethes Werke, über die man schmunzeln kann, immer wieder sind Zitate aus seinen Werken in einen anderen Zusammenhang gebracht. So macht nicht nur für junge Hörer das Zuhören jede Menge Spaß.

David Maier:
Der junge Goethe

DAV Hörspiel für Kinder ab 10,
in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, 2014

Netenjakob spielt, liest und singt …

20 Jahre Netenjakob: Die CD zum Jubiläum hat eine ganze Reihe guter Texte von Netenjakob gesammelt. Allen voran sind die Parodien von Netenjakob ein Hörschmaus: das Literarische Quartett, Udo Lindenberg und Klaus Kinski oder die Märchenparodien – allein dafür lohnt es sich, die CD zu kaufen.

Nebenbei erfährt man außerdem in (ganz, ganz) groben Zügen wie sich sein künstlerisches Schaffen entwickelt hat – vom Bühnen- zum Fernsehautor. Netenjakob flicht aber immer wieder Seitenhiebe gegen das private Fernsehen ein – seien es abgelehnte Texte oder gar ganze Programme für private Sender. Was Netenjakob vom Privatfernsehen trennt, sind weniger seine Themen, die er aussucht, es ist eher die Art und Weise, wie er seine Texte schreibt: er baut seine Gags auf, es sind Geschichten, die er erzählt und nicht lose Gag-Salven. Und das ist es, was ihn auch sympathisch macht.

Netenjakob:
Netenjakob spielt, liest und singt Netenjakob
argon Hörbuch, 79 Minuten, 2013

Sommer der Wahrheit

Es gibt wenige Bücher, bei denen es mich große Überwindung gekostet hat, sie zu Ende zu lesen. Nele Neuhaus‘ „Sommer der Wahrheit“ gehört dazu.

Die Geschichte von Sheridan, die als Kleinkind ihre Eltern bei einem Unfall verliert und in einer Pflegefamilie aufwächst, könnte ja spannend sein. Schließlich wächst sie in einer religiös sozialisierten Familie auf, quasi als schwarzes Entlein, rebelliert, gibt auf, kämpft, verzagt und bäumt sich wieder auf – aber irgendwann weiß der Leser, wer die Bösen sind. Ob die Mutter nun zwanzigmal oder gefühlte zwanzigtausendmal ihrer ungewollten Pflegetochter Steine in den Weg legt – es interessiert irgendwann so gar nicht mehr. Warum es so ist, dass nur ihr Bruder Esra nicht zu ihr hält, wird am Ende sogar noch aufgelöst. Schließlich müssen die Guten die Guten bleiben.

Lange habe ich mir beim Lesen überlegt, was dieses Buch sein soll: ein emanzipatorisches Buch, das zeigt, wie eine Frau ihren Weg findet und sich aus ihren Zwängen befreit? Ein Buch, das mit religiösem Konservatismus aufräumt? Ein Buch, das das Erwachsenwerden eines jungen Mädchens zu Thema hat? Ich muss zugeben: ich habe darauf keine Antwort gefunden.

Vermutlich soll das Buch von allem ein wenig sein. Was Nele Neuhaus da produziert hat, ist aber letztlich nichts anderes als ein zu lang geratener Groschenroman. An manchen Stellen sicherlich interessant, aufs Ganze gesehen jedoch unerträglich. „Sommer der Wahrheit“ gehört zu der Sorte Bücher, in der alle Männer  blaue Augen haben und ausnehmend attraktiv sind oder in der Sprache von Nele Neuhaus zu sprechen: die 15-bzw. später 16-jährige Sheridan macht alle Männer heiß.

Dass in dem Buch Spinnenweben „herumsegeln“, kann man noch ertragen. Die Sprache, wenn es um Sexualität geht, ist aber so gar nicht erträglich. Sätze wie „Ja, ja, ich wollte, dass er es mir besorgte, was auch immer das bedeutete!“ oder  (über das Wort Striptease) „Entsetzt über die ganz und gar ungenierte Erwähnung dieses Wortes wurde ich blutrot.“ sind in diesem Buch keine Seltenheit. Ein junges Mädchen, das reihenweise mit Männern schläft, soll so einen gezwirbelten Unsinn von sich geben? O je. Insgesamt fallen bei „Sommer der Wahrheit“ die platten Dialoge auf. Zumeist Hauptsätze, Gefühle werden nie umschrieben, sondern direkt benannt. Das Denken wird einem abgenommen.

Albern ist der Kasper-Zirkus mit dem Namen: die Krimi-Autorin Nele Neuhaus will ihre Krimi-Leser nicht erschrecken und schreibt unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg –  einfach nur lächerlich, wie das präsentiert wird: „Nele Neuhaus schreibt als Nele Löwenberg“ – ja super. Da hatte der Verlag wohl Angst, dass ein „Sommer der Wahrheit“ einer unbekannten Autorin in der Versenkung verschwunden wäre. Für das Buch wäre es die bessere Wahl gewesen.

Nele Neuhaus (alias Nele Löwenberg):
Sommer der Wahrheit

Ullstein-Verlag, 2014,
ISBN 9783548285610