Das andere Herz

Amanda ist 14. Naja, eigentlich 13 1/2. Sie hat eine beste Freundin, Jenny, und Eltern, mit denen sie sich (noch) recht gut versteht. Und sie beschäftigen die Probleme, die jeden Teenager in diesem Alter plagen: ihr viel zu kleiner Busen und die erste Liebe. David heißt sie. Doch Amanda Storfjord ist kein typischer Teenager. Sie hat einen angeborenen Herzfehler, der dazu führt, dass ihr Herz nicht regelmäßig genug schlägt. Deshalb wartet sie auf eine Herztransplantation.

Alf Kjetil Walgermo hat ein schlichtes Jugendbuch geschrieben. Die Handlung konzentriert sich auf wenige Personen, ist eher nüchtern beschrieben. Die Dialoge passen voll und ganz zu einer 13-Jährigen. Kein Pathos, nur echte Unsicherheit bei all dem, was Amanda widerfährt findet sich in den Dialogen des Buches. Amandas Gefühlschaos ist realistisch beschrieben. Von einem Jugendbuch, das sich die Organtransplantation zum Thema macht, kann man wirklich nicht mehr erwarten.

Ganz klar: Leseempfehlung!

Alf Kjetil Walgermo:
Das andere Herz

Carlsen-Verlag, 2014,
ISBN 9783551582942 

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Eene meene. Einer lebt, einer stirbt

Eine groteske Mordserie beschäftigt die Polizei. Jeweils zwei Menschen werden entführt und eingesperrt. Sie verdursten bzw. verhungern – es sei denn, einer wird erschossen. Denn in ihrem Gefängnis finden die Entführten immer auch eine Pistole. Und wenn einer stirbt, kommt der andere frei. So lautet das Versprechen des Entführers.

Wer denkt sich so einen perfiden Plan aus? Die Ermittlerin Helen Grace steht zunächst vor einem Rätsel. Nach und nach entwirrt sich die Geschichte hinter diesen Entführungen.

„Eene meene“ ist ein Thriller, der durch die rasante Handlung, die Perspektivwechsel und die Rätselhaftigkeit des Falls und den Wendungen bei der Auflösung für Spannung sorgt. Hier kommt man voll auf seine Kosten. Wer sich aber von Krimis originelle Ermittler erwartet, wird von „Eene meene“ enttäuscht werden. Die „Detective Inspector“ Helen Grace ist alles andere als eine sympathische, kauzige oder interessante Figur. Im Gegensatz zu anderen Ermittlern aus ihrem Team wirkt sie streckenweise eher blass.

M.J. Arlidge: Eene meene.
Einer lebt, einer stirbt.

argon Hörbuch,
gelesen von Uwe Teschner, 2014

Wie lebe ich ein gutes Leben? Philosophie für Praktiker

Philosophie für Praktiker. Das ist es, was Albert Kitzler mit seinem Buch „Wie lebe ich ein gutes Leben?“ bieten will. Dabei stellt Kitzler angenehm leicht lesbar vor, wie vor allem die griechischen, römischen und chinesischen Weisheitslehrer und Philosophen ein gutes Leben erreichen wollen.

Im ersten Teil des Buches geht es dabei um die Selbsterkenntnis, die Kunst sich selbst besser zu verstehen. Achtsamkeit sich selbst gegenüber, Aufrichtigkeit und Selbstprüfung stellt Kitzler hier als zentrale Aufgaben vor.

Dann geht es um die richtige Dosierung, das rechte Maß im Leben. Die Mitte zu finden ist das Patentrezept aller Philosophen (wobei sich das, was man als Mitte sieht, auch verändern kann). In Harmonie zu leben ist das Ziel, dabei gilt es, die unterschiedlichen eigenen Begabungen und inneren Kräfte im Lot zu halten, wie ein Wagenlenker, der alle seine Pferde im Griff hat.

Am Schluss seines Buches mahnt Kitzler, dass gar nichts gewonnen sei, wenn man das, was man gelesen hat, nicht beherzigt und sofort umsetzt.

„Wie lebe ich ein gutes Leben“ ist ein Buch für Einsteiger in die Philosophie. In aufeinander Bezug nehmenden Texten stellt Kitzler dar, was noch heute von den antiken Philosophen gelernt werden kann. Wer sich in der Philosophie bereits auskennt, wird nicht viel Neues erfahren.

Wer sich von Kitzler ein Ratschlagbuch zur täglichen Umsetzung erwartet, wird enttäuscht. Kitzler beschränkt sich darauf, darzustellen, was die alten Philosophen lehrten. Wie die Umsetzung der Lebensweisheiten aussehen kann, muss jeder für sich selbst herausfinden. Einzelne Anregungen gibt Kitzler, Ratschläge sucht man jedoch zumeist vergeblich.

Albert Kitzler:
Wie lebe ich ein gutes Leben?
Philosophie für Praktiker

Patmos-Verlag, 2014,
ISBN 978-3629130457

Das weiße Gold des Nordens

„Jarl Hakon hatte einige Kämpfe mit den Gunhildssöhnen zu bestehen, und viele Männer fielen auf beiden Seiten“ – aus dieser knappen Information einer Saga hat Axel S. Meyer einen über 650 Seiten langen historischen Roman geschaffen. Er spielt zwischen 965 und 967 nach Christus im Norden Europas, zu der Zeit als die Wikinger zu Christen wurden.

Hauptperson ist der Jarl Hakon, einer der letzten Herrscher im Norden, die noch nicht den neuen Gott der Christen verehren. Sein Kontrahent ist Harald Graufell, ein Wikinger, der seinen Machtbereich vergrößern will und Bischof Poppo, der endlich Hakon zum Christen machen will. Folglich kommt es zum Krieg, genauer gesagt: zu einigen Kriegen. Es geht um Geld, vor allem um die geraubten wertvollen Stoßzähne der Narwale, es geht um Krieg und Macht und natürlich auch um Liebe, Verrat und Intrigen.

Angenehm ist, dass es in dem Buch einige „starke“ Nebenfiguren gibt, die sehr plastisch dargestellt sind, dazu gehören auch mehrere Frauen. Die Brutalität einzelner Szenen im Buch (und damit meine ich nicht nur die Kriegsszenen!) ist nichts für schwache Nerven.

„Das weiße Gold des Nordens“ hat so ziemlich alles, was ein historischer Roman haben muss. Er ist durchgehend spannend geschrieben, es gelingt ihm, die Zeit der Christianisierung in Nordeuropa lebendig werden zu lassen und man lernt dazu, zum Beispiel, was ein Holmgang ist.

Axel S. Meyer:
Das weiße Gold des Nordens
Rororo – historischer Roman,
ISBN 9783499267147, 2014

Das große Heft

Zwei Jungen sind am Ende des Zweiten Weltkriegs allein auf sich gestellt. Ihre Eltern haben sie zu ihrer Großmutter gebracht, wo sie sicherer sind. Doch das trügt: denn die Wohnung der Großmutter liegt direkt bei einem Konzentrationslager und die Großmutter selbst hält nicht viel von ihren Enkeln. Sie müssen kräftig zupacken, um sich ihr Essen zu verdienen. Deshalb üben die Zwillinge, alles hinzunehmen. Sie härten sich ab, indem sie sich gegenseitig verprügeln, indem sie über mehrere Tage nichts essen. Im Grunde genommen erziehen sie sich selbst, und bestimmen selbst, was sie lernen wollen.

Sie lassen ihre eigene Welt von Regeln entstehen, wo Ungerechtigkeit bestraft wird – was sie auch gerne selbst durchsetzen. Man kann nicht sagen, dass die beiden Jungen verrohen – denn sie überleben den Krieg und haben ihre Gefühle nicht verloren. Es ist vielmehr so, dass sie autark werden, unabhängig von ihrer Umwelt und unsozial – Schwierigkeiten das Haus einer Freundin anzuzünden, weil sie die Unwahrheit gesagt hat, haben sie nicht, ihre Eltern akzeptieren sie nicht mehr, als sie wiederkommen und sie holen wollen.

Es sind vor allem kleine Szenen, die mich bei diesem Film berührt haben. Die Trennung der Zwillinge am Schluss, die als „Aufgabe“ inszeniert ist, die Parallelität zwischen den Darstellungen über das Konzentrationslager und die fast gleich wirkende Präsentation getöteter Tiere der beiden Jungs.

Am Anfang vermutete ich noch, der Film sei eine Beschreibung der schwierigen Verhältnisse, in denen Kinder während des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen sind. Doch bereits nach der ersten Viertelstunde verflüchtigte sich dieser Eindruck. Im Grunde genommen ist „Das große Heft“ eine einzige Parabel – darüber, was ein Krieg aus Menschen machen kann und vor allem darüber, wie wichtig für soziales, gesellschaftsfähiges Handeln die Erziehung ist. Es ist die Gesellschaft, die Werte vermitteln muss, man kann sie sich nicht selbst beibringen. Kinder sich selbst überlassen: das kann nur im Unglück enden.


„Das große Heft“ ist ein Film, auf den man sich einlassen muss, um ihn gut finden zu können. Aber es lohnt sich!

Das große Heft
Regie: János Szász
nach dem Roman von Agota Kristof
Piffl Medien , 2014