Es muss dunkel sein, damit man die Sterne sieht

Ria auf der Suche nach sich selbst – so hätte der Titel dieses Buch von Jenny Bünnig auch lauten können. Und es wäre vielleicht ein besserer Titel gewesen. Denn der Spagat zwischen lustigem Roadmovie und ernsthaftem Entwicklungsroman gelingt nur teilweise. Der Kontrast, der ja bereits auf dem Cover zwischen Titel und Bild sichtbar wird, besteht zwischen dem Abenteuer, in das sich vier Rentnerinnen, alle über 70, stürzen, und der Selbstfindung der jüngeren Protagonistin namens Ria. Die vier betagten Frauen wollen beenden, was in ihrem Leben noch offen geblieben ist. Da gibt es noch offene Rechnungen, alte Verletzungen, Lebenslügen und erste Lieben, die von ihrem Glück so gar nichts wissen. Zu dieser Gruppe agiler Frauen stößt die Studentin Ria, Mitte 20, dazu. Nach dem Tod ihres Vaters ist sie aus dem Takt geraten und braucht für sich eine Auszeit.

Das  Reiseabenteuer quer durch Europa ist schön, ist nett zu lesen – aber für ein richtig gutes Buch reicht das nicht. Zu schemenhaft sind die einzelnen Charaktere, zu abrupt die Handlung. Natürlich: jede der Damen hat ihre eigene Macke, und das macht sie rundum sympathisch. Dagegen könnte Ria eine Handlung, eine Entwicklung in das Buch hineinbringen – allein: es gelingt nicht. Es gibt vielerlei Anspielungen im Laufe der Fahrt, hinter denen aber keinerlei Geheimnis steckt – dass Rias Vater gestorben ist, weiß man von Anfang an. Warum sie sich mit ihrer Mutter nun nicht mehr versteht, bis sie sich entscheidet, zu ihr zurückzukehren – weshalb überhaupt eine Studentin zu ihrer Mutter zurückkehren will – all das bleibt im Dunkeln. Die Entwicklungsgeschichte ist im Grunde genommen eine oberflächliche Sinnfindung, denn schließlich entscheidet Ria vieles aus dem Bauch heraus, ohne dass es lange vorbereitet ist. Gut angelegt ist, dass sich einige der Lebensgeschichten der betagten Damen letztlich mit Rias Flucht und Selbstfindung  einiges spiegelt, wenn es auch nur angedeutet ist.

Bei aller Kritik: Die Sprache des Buches ist angenehm zu lesen, Jenny Bünnig versteht etwas von ihrem Handwerk. Nur die Umsetzung hat mich nicht ganz überzeugt.

Jenny Bünnig:
Es muss dunkel sein, damit man die Sterne sieht

Verlag LangenMüller 2014,
ISBN 9783784433448

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s