Triangel

Ein idyllisches Haus ist das zentrale Motiv in Anne Goldmanns Krimi „Triangel“. Das Häuschen mit seinem gepflegten Garten gehört der Justizbeamtin Regina Aigner. Es ist ihr kleines Reich, und umso geschockter ist sie, als sie beim Graben auf eine Leiche stößt. Und das, wo schon der Bürgermeister mit allen Mitteln versucht hat, den Anbau ihres Hauses, den sie sich so sehr wünscht, zu verhindern. Kurzerhand beschließt Regina, die Leiche selbst zu beseitigen, damit weitergebaut werden kann. Außerdem vermutet sie, dass ihre Freundin Johanna etwas mit dem toten Mädchen zu tun haben könnte. Und warum taucht plötzlich ein entlassener Häftling bei Regina auf?

„Triangel“ ist kein actiongeladener Krimi, die Handlung entwickelt sich eher gemächlich. Und so erkennt man nach und nach, wie die Personen des Krimis miteinander verbunden sind. Einen Ermittler sucht man vergebens, scheinbar von selbst klärt sich alles zum Schluss hin auf, wenn die unterschiedlichen Handlungsstränge zusammenkommen.

Schade ist, dass viele Anspielungen auf die Vergangenheit von Regina Aigner nicht aufgelöst werden. Auch die Vergangenheit von Johanna wird kaum beleuchtet. Vielleicht liegt dies an der gekürzten Lesung – schade ist es dennoch.

Anne Goldmann:
Triangel, gekürzte Lesung

Sprecherin: Katharina Stemberger,
363 Min. 4 CDs
Mono-Verlag, 2013

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Wunder

August, auch Auggie genannt, ist ein zehnjähriger Junge, der an einem Gendefekt leidet. Sein Gesicht ist stark entstellt, auch mehrere „Schönheitsoperationen“ konnten das nicht ändern. Nachdem er jahrelang von seinen Eltern unterrichtet wurde, soll er nun eine öffentliche Schule besuchen.

In ihrem Debütroman beschreibt die  US-amerikanische Autorin Raquel Palacio die Gefühlswelt dieses Jungen mit einem zutiefst genauen Blick. Man kann sich in August hineinversetzen, wie er sich daran gewöhnt, dass die Menschen den Blick von ihm schnell abwenden – und wie er sich fühlt, wenn er von Mitschülern gemieden und geärgert wird.

Das interessante an dem Buch ist, dass die Geschichte vom ersten Schuljahr an einer staatlichen Schule eigentlich gar nicht interessant ist. Trotzdem hört man gerne zu – und das liegt auch daran, dass die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven wiederholt und weitergeführt wird. Im Hörbuch stehen dafür unterschiedliche Stimmen, unter anderem die von Andreas Steinhöfel, der August liest.

So werden die Episoden um Freundschaft, Vertrauen und Verrat (ja, große Worte für eine einfache Geschichte) durch die Perspektivwechsel äußerst spannend und man gewinnt August immer mehr lieb. Dass August so sympathisch wirkt liegt aber auch daran, dass er nicht immer, ja ich würde fast sagen: selten, wie ein 10-Jähriger wirkt. Er ist abgeklärt, witzig, lakonisch. Ausgerechnet am Ende, das für meine Verhältnisse viel zu schmalzig daherkommt, freut er sich so wie ein 10-Jähriger sich freuen würde. Endlich. Sonst wirken seine Gedanken, aber auch die Gespräche mit seinen Mitschülern eher wie die eines 14-Jährigen.

Das Hörbuch ist (wie natürlich auch das zugehörige Buch) durchaus für 10-Jährige geeignet, wenn auch an manchen Stellen die amerikanischen Schulverhältnisse (es gibt zum Beispiel eine Abschlussfeier nach der 5. Klasse) den meisten fremd sein dürften.

Raquel J. Palacio:
Wunder

gelesen von Andreas Steinhöfel, Sascha Icks, Birte Schnöink, Mirco Kreibich, Nina Petri, Boris Aljinovic, Hans Löw und Julia Casper, Silberfisch Hörbuch 2013

Einer da oben hasst mich

„Einer da oben hasst mich“  hat mich etwas gespalten zurückgelassen.

Einerseits: Es ist ein anrührendes Buch aus der Sicht eines 17-Jährigen, der Krebs hat, in einem Hospiz lebt und kurz davor ist, zu sterben. Richard, so heißt der junge Mann, ist taff und witzig, einfühlend und liebenswert gleichermaßen. Er schafft es immer wieder, die Pflegekräfte um den Finger zu wickeln. Und ebenso die 15-jährige Sylvie, die auch im Hospiz lebt – eine kleine Liebesgeschichte bahnt sich an.

Gleichzeitig ist Richard aber auch ein Jugendlicher, der Fehler macht – der sich irrt bei der Einschätzung seiner Mitmenschen. Immer wieder muss er erkennen, dass dieser oder jener doch netter ist, als er zunächst dachte.  Manches bekommt er auch einfach nicht mit, zum Beispiel, warum die Harfinistin im Hospiz immer spielt, Problemen geht er aus dem Weg.  Ein typischer Jugendlicher also, der mit sich selbst beschäftigt ist.

Andererseits: Ich hatte beim Lesen so gut wie alle anderen Figuren deutlicher vor Augen: der durchgeknallte Onkel, die aufgetakelte Großmutter, der schwule Pfleger, die biestige Krankenschwester (die sich dann doch als liebenswert herausstellt) und so weiter. Das illustre Tableau an Figuren ist zwar sehr unterhaltend, lässt aber Richard, die Hauptfigur, dagegen sehr blass wirken. Nach dem (zugegeben!) knalligen Einstieg zu Halloween lässt die Handlung zudem nach, teilweise wirkt sie auch etwas konstruiert.

„Einer da oben hasst mich“ ist kein Wohlfühlbuch, das einen kleinen Helden präsentiert. Aber auch keines, das einen mitweinen lässt, denn dafür macht der Protagonist zu viele Fehler. „Einer da oben hasst mich“ lässt einen etwas ratlos zurück. Vielleicht ist es ja gerade deshalb doch ein gutes Buch.

Hollis Seamon:
Einer da oben hasst mich

cbt-Verlag,
ISBN 9783570162835

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter/The fault in our stars

Zitat

Wir sechs oder sieben oder zehn Teilnehmer kamen bzw. rollten herein, bedienten uns an einem dürftigen Buffet mit Keksen und Limonade, setzten uns in den „Kreis des Vertrauens“ und hörten zu, wie Patrick zum tausendsten Mal seine deprimierende Lebensgeschichte abspulte – wie er als Kind Krebs in den Eiern gehabt hatte und alle dachten, er würde sterben, aber er ist nicht gestorben, und jetzt war er hier, als erwachsener Mann in einem Kirchenkeller in der 137.-schönsten Stadt Amerikas, geschieden, videospielsüchtig, weitgehend freundlos, und verdiente seinen mageren Lebensunterhalt, indem er seine krebslastige Vergangenheit ausschlachtete, während er nebenbei auf einen Uni-Abschluss hinarbeitete, der seine Karrierechancen nicht verbessern würde, und wie wir alle darauf warteten, dass das Damoklesschwert endlich niedersauste und ihm die Erlösung verschaffte, die ihm vor all den Jahren versagt geblieben war, als der Krebs ihm beide Eier nahm, aber das ließ, was nur die barmherzigste Seele ein Leben nennen würde.

Und weil es so schön ist, gleich nochmal auf Englisch:

The six or seven or ten of us walked/wheeled in, grazed at a decrepit selection of cookies and lemonade, sat down in the Circle of Trust, and listened to Patrick recount for the thousandth time his depressingly miserable life Story – how he had cancer in his balls and they thought he was going to die but he didn’t die and now here he is, a full-grown adult in a church basement in the 137th nicest city in America, divorced, addicted to video games, mostly friendless, eking out a meager living by exploiting his cancertastic past, slowly working his way toward a master’s degree that will not improve his career prospects, waiting, as we all do, for the sword of Damocles to give him the relief that he escaped lo those many years ago when cancer took both of his nuts but spared what only the most generous soul would call his life.

 

Eine Handvoll Worte

40 Jahre alte Liebesbriefe stehen im Mittelpunkt von Jojo Moyes Hörbuch „Eine Handvoll Worte“. Die Journalistin Ellie Haworth findet zufälligerweise einen 40 Jahre alten Liebesbrief im Archiv der überregionalen Zeitung, für die sie arbeitet. Der Inhalt: Ein Mann fordert eine Frau auf, ihren Ehemann zu verlassen und mit ihm nach New York zu gehen. Die Neugier der Journalistin ist geweckt: Was ist aus dieser Story geworden? Neue alte Liebesbriefe tauchen auf, die Suche beginnt…

Stück für Stück wird die Geschichte dieses ungewöhnlichen, tragischen Liebespaars entwirrt, dabei wechselt die Zeitebene immer wieder in die 60er Jahre, als die Liebesbriefe verfasst wurden.  Daher ist „Eine Handvoll Worte“ kein Hörbuch, das man so nebenher hören kann, man muss schon immer wieder überlegen, aus welcher Perspektive gerade erzählt wird. Aber gerade diese „Konstruktion“ macht das Buch lesenswert bzw. das Hörbuch hörenswert. Die Geschichte selbst ist an manchen Stellen arg kitschig (also sehr, sehr romantisch 🙂 ), aber es sind auch gesellschaftliche Fragen wie die Stellung der Frau, wirtschaftliche Fragen (am Beispiel Asbesth und des Kongo) und vieles mehr, das eingebunden ist.

Insgesamt ein hörenswertes Buch – vielleicht ist es sogar besser, „Eine Handvoll Worte“ zu hören und nicht zu lesen.

Jojo Moyes:
Eine Handvoll Worte

gelesen von Luise Helm,
Argon Hörbuch 2013

Es muss dunkel sein, damit man die Sterne sieht

Ria auf der Suche nach sich selbst – so hätte der Titel dieses Buch von Jenny Bünnig auch lauten können. Und es wäre vielleicht ein besserer Titel gewesen. Denn der Spagat zwischen lustigem Roadmovie und ernsthaftem Entwicklungsroman gelingt nur teilweise. Der Kontrast, der ja bereits auf dem Cover zwischen Titel und Bild sichtbar wird, besteht zwischen dem Abenteuer, in das sich vier Rentnerinnen, alle über 70, stürzen, und der Selbstfindung der jüngeren Protagonistin namens Ria. Die vier betagten Frauen wollen beenden, was in ihrem Leben noch offen geblieben ist. Da gibt es noch offene Rechnungen, alte Verletzungen, Lebenslügen und erste Lieben, die von ihrem Glück so gar nichts wissen. Zu dieser Gruppe agiler Frauen stößt die Studentin Ria, Mitte 20, dazu. Nach dem Tod ihres Vaters ist sie aus dem Takt geraten und braucht für sich eine Auszeit.

Das  Reiseabenteuer quer durch Europa ist schön, ist nett zu lesen – aber für ein richtig gutes Buch reicht das nicht. Zu schemenhaft sind die einzelnen Charaktere, zu abrupt die Handlung. Natürlich: jede der Damen hat ihre eigene Macke, und das macht sie rundum sympathisch. Dagegen könnte Ria eine Handlung, eine Entwicklung in das Buch hineinbringen – allein: es gelingt nicht. Es gibt vielerlei Anspielungen im Laufe der Fahrt, hinter denen aber keinerlei Geheimnis steckt – dass Rias Vater gestorben ist, weiß man von Anfang an. Warum sie sich mit ihrer Mutter nun nicht mehr versteht, bis sie sich entscheidet, zu ihr zurückzukehren – weshalb überhaupt eine Studentin zu ihrer Mutter zurückkehren will – all das bleibt im Dunkeln. Die Entwicklungsgeschichte ist im Grunde genommen eine oberflächliche Sinnfindung, denn schließlich entscheidet Ria vieles aus dem Bauch heraus, ohne dass es lange vorbereitet ist. Gut angelegt ist, dass sich einige der Lebensgeschichten der betagten Damen letztlich mit Rias Flucht und Selbstfindung  einiges spiegelt, wenn es auch nur angedeutet ist.

Bei aller Kritik: Die Sprache des Buches ist angenehm zu lesen, Jenny Bünnig versteht etwas von ihrem Handwerk. Nur die Umsetzung hat mich nicht ganz überzeugt.

Jenny Bünnig:
Es muss dunkel sein, damit man die Sterne sieht

Verlag LangenMüller 2014,
ISBN 9783784433448