Jochen oder Die Nacht des Hasen

Jochen will die Welt retten. Das wollen viele. Doch Jochen ist ein Hase. Ein sprechender Hase.

Nachdem sich in der Welt des Kabaretts und der Comedy bereits ein sprechendes Känguru etabliert hat, kommt nun also ein sprechender Hase. Und das ist unterhaltsamer, als man zunächst vermutet.

Zugegeben: die eigentliche Story, wie Jochen die Welt retten will, ist ziemlich kurz und wenig ausführlich. Aber das tut dem Hörbuch keinen Abbruch, denn im Zentrum der Handlung steht nicht, was Jochen will, sondern was mit Jochen wird. Denn schon bald wird er schlichtweg vermarktet: Die Klicks auf YouTube sorgen dafür, dass aus Jochen ein Superstar wird. Denn Jochen erklärt nun online die Welt aus seiner Hasenperspektive.

Viel zu spät bemerkt Jochen, dass er nur ausgenutzt wurde und andere auf seine Kosten reich werden. Durch einen Auftritt bei Günther Jauch kommt Jochen zur Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. Und das endet schließlich mit einem SEK-Einsatz auf einem Berliner Hoteldach.

Michael Gantenberg erzählt die Geschichte in zwei parallelen Handlungssträngen. Einerseits wird das Geschehen auf dem Hoteldach beschrieben, andererseits wird nach und nach das Leben von Jochen beschrieben. So entschlüsselt sich nach und nach, was geschehen ist – und weshalb Jochen sich vom Hoteldach stürzen will. Das macht das Zuhören spannend. Zudem gelingt es Gantenberg einen sehr feinen Humor in seinen Text zu legen.

Ein unterhaltsames, humorvolles Hörbuch für zwischendurch mit durchaus ernsten Zwischentönen!

Michael Gantenberg:
Jochen oder Die Nacht des Hasen,

gelesen von Bastian Pastewka
Roof-Music 2013

Kiss me, kill me

Emily weiß nicht mehr, was sie glauben soll: Hat ihr Vater ihre Mitschülerin Ashlee Parker umgebracht? Ihr Vater ist Ex-Soldat und hat teilweise Flashbacks, bei denen er die Kontrolle über sich verliert – war das der Fall im Wald von Darkwood? Und was hat Ashlee bei dem alten Bunker überhaupt gemacht?

Nicht nur Emily will wissen, was in der Nacht, als Ashlee Parker starb, wirklich passiert ist. Auch Ashlees Freund Damon versucht, der Wahrheit näher zu kommen. Denn er hat der Polizei nicht die ganze Wahrheit gesagt …

Die Handlung dieses Kriminalromans für Jugendliche (und Erwachsene) wird abwechselnd aus der Perspektive von Emily und Damon geschildert. Mit diesen zwei unterschiedlichen Charakteren gelingt es Lucy Christopher, dass nicht nur Spannung aufgebaut wird, sondern dass es in dem Buch auch ziemlich menschelt …

Fazit: Überzeugende Handlung, überzeugende Charaktere, Spannung, überzeugende sprachliche Darstellung – was will man mehr!

Lucy Christopher:
Kiss me, kill me

Chicken House 2014,
ISBN 9783551520333

Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Offenbarung (CD)

Marc-Uwe Kling und sein sprechendes Känguru auf Weltreise: Quer über den Globus verfolgen die beiden im nunmehr dritten Band der Känguru-Erzählungen den Pinguin – denn dieser plant (wie immer) nichts Gutes. Das glaubt zumindest das Känguru. Und das weiß ziemlich viel. Zum Beispiel die Känguru-Offenbarungen (bis auf die letzte, die hat das Känguru vergessen …)Auf jeden Fall weiß es aber immer mehr als Marc-Uwe weiß. Und das ist auch gut so, denn sonst wäre die „Känguru-Offenbarung“ nur halb so lustig.

Wer bereits die beiden Vorgänger Känguru-Bücher kennt, die Känguru-Chroniken und das Känguru-Manifest, der wird neben dem Pinguin weitere Figuren wiederfinden: Julia Müller zum Beispiel als „la vache qui rit“, und natürlich hat auch der Politiker Jörg Dwigs wieder mehr als einen Auftritt. Und das Asoziale Netzwerk hat sogar Filialen bekommen. Aber auch für Neu-Einsteiger in die Känguru-Geschichten ist die „Känguru-Offenbarung“ geeignet.

Marc-Uwe Kling ist noch immer nicht die Puste ausgegangen. Seine Känguru-Geschichten sind immer noch pointiert auf den Punkt formuliert. Mal schräg, mal komisch, mal verrückt, mal ernster sind die kurzen Episoden. Marc-Uwe Kling trifft genau meinen Humor.

Unbedingt zu empfehlen (Pflicht!!!) ist es, das Hörbuch zu kaufen und nicht das Buch. Beim Hören kommen die Geschichten deutlich komischer rüber als beim Lesen! Ich habe mir angewöhnt, auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag eine Episode aus dem Leben dieses ungleichen Paares zu hören. So geht man gern zur Arbeit!

Marc-Uwe Kling:
Die Känguru-Offenbarung

Hörbuch Hamburg 2014

Ein feiner dunkler Riss

Ins Amerika des Jahres 1958 führt Joe R. Lansdales Roman „Ein feiner dunkler Riss“ seine Leser. Der 13-jährige Stanley Mitchel Junior ist mit seinen Eltern nach Dewmont gezogen, wo die Familie fortan ein Autokino betreibt. Da die Hauswand als Leinwand dient, ist das Innere der Kinoleinwand Stanleys Zuhause. Stanleys Vater ist der typische Amerikaner, der den amerikanischen Traum verkörpert: bodenständig, und in der Lage, aus seinem Leben etwas zu machen.

Doch als Stanley in einer verfallenen Villa einen Behälter mit alten Liebesbriefen von M und J findet, kommt auf die typische amerikanische Kleinfamilie bald einiges zu. Denn Stanley wird mit Hilfe des schwarzen Filmvorführers Buster zum Detektiv, der zwei vor langer Zeit in ein und derselben Nacht begangene Morde aufklären will. Und das findet nicht jeder gut.

Der damals vorherrschenden Rassendiskriminierung gibt Lansdale einigen Raum, indem er die Protagonisten beispielsweise darüber diskutieren lässt, ob man „Nigger“ sagen darf. Und im Umgang der Familie mit Schwarzen wird schon deutlich, dass die Zeiten der Diskriminierung bald vorbei sein dürften. Auch die Sprache der 50er Jahre tritt immer wieder auf, wenn Stanleys Freund Richard etwa als „prima Lausebengel“ bezeichnet wird.

Erzählt wird die Handlung (rückblickend) aus Stanleys Perspektive. Als Gegenpol zur intakten Familie Stanleys dient sein Freund Richard, dessen Vater ihn regelmäßig verprügelt. So sind in dem Roman die Lebenswelten der amerikanischen Mittel- und Unterklasse der 1950er Jahre präsent.

Und auch die Spannung kommt nicht zu kurz: auf den letzten 50 Seiten erfolgt der erlösende Showdown – auch wenn nicht alle Fragen beantwortet werden.

Joe R. Lansdale:
Ein feiner dunkler Riss
Suhrkamp Verlag 2014,
ISBN 9783518464977

Bastian Bielendorfer: Lebenslänglich Klassenfahrt (CD)

Nach seinem Buch „Lehrerkind“ hat Bastian Bielendorfer mit „Lebenslänglich Klassenfahrt“ eine Fortsetzung vorgelegt.

In der Tat geht es um Klassenfahrten, nervige Lehrer, böse Schulleiter und fiese Mitschüler.

Witzig machen das Hörbuch die vielen schrägen Geschichten um die Pubertät und um die erste Liebe – sei es die englische Austauschschülerin Ashley, sei es die Tochter des unsympathischen Schulleiters. Hier gelingen Bielendorfer witzige Situationsbeschreibungen. Allerdings ist sein Hörbuch eindeutig in den Bereich Comedy einzuordnen – viel mehr als Situationskomik sollte man nicht erwarten. Ein Großteil des Witzes will der Autor durch schräge Vergleiche, deutsch-englische Sprachschwierigkeiten und mittelmäßig witzige Wortneuschöpfungen erreichen. Kostproben gefällig? „Mein Herz pochte wie eine Handwerkerkolonne mit Schlagbohrern“, „Ich hatte weniger Freunde als der Mond Einwohner“, der Lambrusco wird als „Chateau Frostschutzmittel“ bezeichnet. Dazu kommt die etwas nervige Art des Autors, sein Hörbuch vorzutragen, indem er immer wieder die Stimme künstlich erhöht – was so gar nicht stimmig wirkt, weil das Hörbuch doch eher rückblickend erzählt und eben nicht aus durch einen pubertierenden 14-Jährigen.

Aber nichtsdestotrotz: manche Episoden sind durchaus witzig, wenn zum Beispiel Bastians Versuch, einen Liebesbrief mit seinem eigenen Blut zu schreiben, im Krankenhaus endet.

Fazit: nur bedingt zu empfehlen

Bastian Bielendorfer:
Lebenslänglich Klassenfahrt

Osterwold Audio, 2013

Der norwegische Gast

Ein Zug verunglückt, knapp 200 Passagiere müssen in einem nahegelegenen Hotel im norwegischen Bergdorf Finse notdürftig unterkommen. Durch einen schweren Sturm sind sie von der Außenwelt abgeschnitten und warten auf ihre Evakuierung.

Die Reisenden auf dem Weg nach Bergen hatten Glück im Unglück – nur der Lokführer starb bei der Entgleisung des Zuges. Doch dann geschieht im Hotel Mord um Mord.

Die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen ist auch in dem Zug und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Dabei ist sie alles andere als eine Powerfrau: nach einem Schusswechsel sitzt sie im Rollstuhl, und besonders gewieft wirkt sie anfangs so gar nicht. Im zweiten Teil macht sie dies jedoch durch zahlreiche analytische Gedankengänge wieder etwas wett … Freilich wirkt sie dadurch auch kühl und unnahbar.

Motive gibt es zunächst einmal so gut wie gar keine: die Reisenden gehören zu ganz unterschiedlichen Gruppen: da gibt es die Staatskirchenkommission, den Ausreißer, zudem noch geheimnisvolle Mitfahrer in einem extra angehängten Waggon – sind es wirklich Mitglieder der norwegischen Königsfamilie, wie es manche Mitreisende zu wissen glauben? Gier und Verrat, wie es einer der Ermordeten behauptet hat  – sind das wirklich die Motive der Morde?

Als Buch mag das Buch vielleicht etwas langatmig wirken, weil die Handlung im Hotel sehr gering ist. Jedoch wirken die verschiedenen Personen, die im Hotel unfreiwillig zusammenwohnen, so lebendig, dass sie die fehlende Handlung gut wettmachen.

Ein spannendes Hörbuch, dessen Schluss wie ein Miss-Marple-Film wirkt, wenn Hanne Wilhelmsen den Fall vor allen Anwesenden Stück für Stück aufklärt.

Anne Holt:
Der norwegische Gast,
Sprecher: Ulrike Grote, 386 Minuten, HörbuchHamburg, Piper