Am Ende eines viel zu kurzen Tages (Death Of A Superhero)

Durch eine Theateraufführung bin ich auf die Verfilmung von „Death of a superhero“ gestoßen. Und ich muss sagen: Es ist schon eine Weile her, eigentlich seit Kebab Connection, dass ich einen so gut gemachten Film gesehen habe, der witzig und ernst zugleich ist.

Die Hauptfigur des Films ist der 15-jährige Donald Clarke. Donald ist ein typischer Junge seines Alters – mit einer Ausnahme: Er hat Krebs. Das scheint aber seine Eltern mehr zu bekümmern als ihn selbst. Und so holen sie einen Psychologen, Dr. Adrian King, der mit Donald reden soll. Langsam baut sich zwischen den beiden Vertrauen auf. Außerdem gibt es da noch Shelly, eine Mitschülerin, mit der er sich anfreundet – und in die er sich verliebt. Weil aber seine Zeit beschränkt ist, wollen ihm seine Freunde seine erste Liebe auf anderem Weg beschaffen.

Da bleiben komische Situationen nicht aus. Seine Gefühle packt Donald in die Comics, die er malt. Sie sind eine zweite Ebene des Films, die immer wieder in die Handlung eingeflochten sind. „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ ist ein einfühlsamer Film über Krankheit, Tod, Freundschaft, Vertrauen und die erste Liebe. Ansehen lohnt!

Am Ende eines viel zu kurzen Tages
(Death of a superhero)
Regie: Ian Fitzgibbon
nach dem Roman von Anthony McCarten Erscheinungsjahr: 2012

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Tod eines Handlungsreisenden

Heute habe ich mal wieder Schlöndorffs „Tod eines Handlungsreisenden“ angeschaut.

Eindrücklich die letzte Szene bei der Beerdigung: An dem Tag, an dem die Familie schuldenfrei ist, ist Willy Loman tot. Eine kleinbürgerliche Existenz, deren Fragilität im Laufe des Films immer offensichtlicher wird. Denn nicht nur Willy Loman täuscht eine Welt vor, die es nicht mehr gibt und flüchtet sich in seine Fantasien, auch Biff, sein Sohn, wird mit einem Lebenslauf versehen, den er so nicht hat.

Erfolg ist das, was zählt. Erfolg – egal wie. Als Loman selbst den nicht mehr bringt, zerbricht er. So, als ob es sonst nichts mehr im Leben gibt.

Ein Film, den man sich ab und an ansehen sollte, um sich klarzumachen, was einem im Leben denn wirklich wichtig ist.


Tod eines Handlungsreisenden
Regie: Volker Schlöndorff
Erscheinungsjahr: 1985

Bunker Diary

Sechs Personen werden in einem Bunker gefangen gehalten. Sechs Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: die neunjährige Jenny, der 70-jährige Physiker, ein Geschäftsmann und eine Geschäftsfrau, ein Heroinabhängiger und ein 16-jähriger Junge namens Linus.

Das Buch ist aus Linus‘ Sicht geschrieben. Es handelt sich um seine Aufzeichnungen ab dem Tag, wo er in den Bunker gekommen ist. Linus ist von zuhause abgehauen, lebt in London auf der Straße, bis er von einem Unbekannten in einen Hinterhalt gelockt, betäubt und entführt wird. In einem Bunker wacht er auf, und nach und nach kommen die anderen Gefangenen durch einen Aufzug in den Bunker. Sie werden mit Kameras und Mikrofonen rund um die Uhr bewacht.

Der Aufzug ist die einzige Möglichkeit für die Gefangenen, mit ihrem Peiniger zu kommunizieren. Sie teilen ihre Wünsche mit, und wenn sie Glück haben, erhalten sie, was sie sich wünschen. Zum täglichen Ritual wird das Warten auf den Aufzug, immer in der Hoffnung auf Lebensmittel und andere notwendige Dinge. Von ihrem Entführer wissen die sechs Personen überhaupt nichts. „Er spielt mit uns“, ist sich Linus sicher. Und dieses Spiel wird immer gefährlicher. Denn als die sechs versuchen, aus dem Bunker zu fliehen, rächt sich ihr Entführer auf brutale Weise. Zunächst mit dem zweitweisen Entzug von Essen und dem Ausschalten der Heizung. Doch dann wird aus dem Spiel ein Kampf um Leben und Tod.

Kevin Brooks hat mit „Bunker Diary“ ein radikales literarisches Experiment gemacht. Eindringlich hat Brooks das Leben im Bunker beschrieben. Die Konflikte, die Langeweile, der Gestank: man kann es sich richtig vorstellen. Ein Sinnbild für die fragile Gemeinschaft ist der Moment, wo sich alle auf ein Stück gebratenes Fleisch stürzen, das im Aufzug steht. Ähnlich wie im „Herr der Fliegen“ fragt er, was Menschen sich gegenseitig antun, wann sie die Humanität aufgeben, wie weit sie bereit sind zu gehen. Dabei hält sich Pessimismus und Optimismus die Waage: die eine Hälfte der Bunkerinsassen zieht sich zurück und kümmert sich nur um sich selbst, während die andere Hälfte füreinander da ist.

Brooks geht es ausschließlich über die Gemeinschaft im Bunker. Erklärungen, weshalb jemand sechs Personen einfach so entführt, liefert er nicht. Das Buch gibt darauf keinerlei Antworten. Das mag ehrenwert sein, vor allem, wenn sich Brooks – so schreibt er in seinem Kommentar zum Buch – sich gegen den eigenen Verlag durchsetzte. Aber als Leser will man doch wissen, wer nun die anderen ermordet hat und wer nun dieser Entführer ist.

So gar nicht überzeugt hat mich, was Brooks über den Sinn seines Buches schreibt. Warum soll die Geschichte nichts Negatives mehr haben, wenn man sich klar macht, dass jeder Mensch einmal sterben muss? Was für ein Unfug, wenn Brooks dann noch den billigen Rat gibt, aus seinem Leben deshalb das Beste zu machen.

Brooks‘ Buch ist nichts für schwache Nerven. Es ist beklemmend, verstörend. Und es lässt einen verstört und beklemmt zurück.

Kevin Brooks:
Bunker Diary
dtv,
ISBN 9783423740036

Die Seltsamen

Feen dringen in die Welt der Menschen ein, zerstören sie, bis sie schließlich besiegt werden. Ihre Magie wird durch Eisen, vor allem das Läuten der Kirchenglocken, unterdrückt, sodass die Feen sich im angebrochenen „Qualmzeitalter“ immer mehr unterordnen. Das ist die Ausgangssituation in Stefan Bachmanns Buch „Die Seltsamen“.

Bartholomew lebt mit seiner Schwester Hettie in dieser Welt. Das Besondere: die beiden sind Mischlingskinder, Mensch und Fee zugleich. Und diese Mischlinge, die „Seltsamen“, sind hässliche Wesen, um die Menschen und Feen gleichermaßen einen Bogen machen. Versteckt leben sie, immer um ihr Leben fürchtend, bis plötzlich Hettie entführt wird. Auf der Suche nach seiner kleinen Schwester verbündet sich Bartholomew mit dem eher dem Müßiggang verpflichteten Mister Jelliby, einem Parlamentsabgeordneten, und beide decken nach und nach eine große Verschwörung auf, die ganz London untergehen lassen könnte …

Die Geschichte wird zunächst in zwei Handlungssträngen erzählt, die dann aber aufeinandertreffen. Auf der einen Seite wird Bartholomews Leben in der Verborgenheit sehr eindrücklich geschildert, seiner kindlichen Neugier steht auf der anderen Seite die fast vollendete Trägheit von Mr. Jelliby gegenüber. Gemeinsam ist beiden, dass sie das Herz am rechten Fleck haben und intuitiv das Gute tun – oder zumindest tun wollen. Die Handlung ist es, die das Buch zusammenhält. Die Magie wirkt eher zufällig und beliebig, wie ein deus ex machina, der dann immer zur Hilfe geholt wird, wenn die Handlung weitergehen soll.

Manchen mag es gefallen, mit wie viel Fantasie immer wieder neue Formen von Magie auftauchen, mich hat es eher gestört. Nichtsdestotrotz hat mir das Buch gefallen. Das lag vor allem an der rasant fortschreitenden Handlung, aber auch daran, wie überzeugend die Figuren gezeichnet waren – auch wenn Bartholomew ein hässliches Mischlingswesen ist: der Leser gewinnt ihn lieb; auch wenn Mister Jelliby ein fauler Taunichtgut ist: der Leser gewinnt ihn lieb. Spannende Unterhaltung ist gewährleistet.

Stefan Bachmann:
Die Seltsamen
Diogenes-Verlag,
ISBN 9783257068887

Sautanz

Ein herzensguter Ehemann, der alles andere als seiner Frau treu ist, überforderte Polizisten, die alles andere tun als ermitteln, eine bildschöne Sekretärin, die alles andere macht als zu arbeiten – in ihrem Krimi „Sautanz“ bietet die österreichische Autorin Veronika A. Grager ein Spektrum an Personen auf, das bunter kaum sein könnte.

Dazu kommt noch das ungleiche Ermittlerpaar Dorli und Lupo: Lupo, der alles andere als erfolgreiche Privatdetektiv, und Dorli, die „wilde“ Dorli, die Powerfrau, die so gar nicht auf den Mund gefallen ist. Dass Lupo, ein Kavalier der alten Schule, ein Auge auf Dorli geworfen hat, macht ihre Zusammenarbeit nicht gerade einfacher. Ausgerechnet zu ihnen wird eine Leiche im Neusiedler See geschwemmt.

Weil die Bauchwunde des Toten so gar nicht auf den natürlichen Tod hinweist, den die nicht ganz so arbeitseifrigen Polizisten sofort attestieren, beginnen die beiden zu ermitteln. Dabei unterhalten sie sich in ihrem österreichischen Dialekt, weshalb dem Buch ein Glossar angehängt ist, das dem nichtösterreichischen Leser Wörter wie Gfraster (Gauner), Hawara (Freund) oder Gschrapperln (Kinder) erklärt.

Wer einen „harmlosen“ Regionalkrimi erwartet, wird allerdings enttäuscht: Bei Veronika A. Grager gibt es neben den handelsüblichen Motiven wie unerfüllte Liebe, Eifersucht, Rache und Gier noch Selbstmord, Abtreibung, Menschenhandel, einen dubiosen Schönheitschirurgen und eine mafiöse Familie … Provinziell geht es allenfalls bei der Polizei zu. Kein Wunder, dass Lupo und Dorli zunächst einmal ziemlich lange im Dunkeln tappen. Nur langsam lichtet sich der Nebel und manch falsche Fährte lässt sich erkennen.

Das ist für den Lesefluss allerdings nicht weiter schlimm – schließlich lernt man in der Zeit Lupo und Dorli näher kennen mit all ihren Eigenheiten. Und eine ordentliche Prise Humor (manchmal ist der auch ordentlich schwarz) ist auch vorhanden. Wer eine streng durchkomponierte, in sich überzeugende Krimihandlung will, wird von „Sautanz“ vielleicht etwas enttäuscht sein. Wer aber von einem Krimi auch erwartet, gut unterhalten zu werden, für den ist dieses „Schlachtfest“ absolut richtig!

Veronika A. Grager:
Sautanz,

emons Kriminalroman,
ISBN 9783954512621