Sterben für Anfänger

Eine Trauerfeier, die gänzlich aus dem Ruder läuft. Schwarzer Humor pur. Charaktere, die einzigartig sind, originelle Ereignisse: mehr braucht es nicht dazu.

Zuerst einmal wird die Leiche vertauscht, dann nimmt der Verlobte der Cousine aus Versehen statt einer Valium eine Pille, die ihm zu Halluzinationen verhelfen. Und zudem hat jeder Trauergast sein eigenes Problem mitgebracht. Selbst der Verstorbene hat sein eigenes kleines Geheimnis, das der Zwerg, der plötzlich und unerwartet auf der Trauerfeier auftaucht, zu Geld machen will.

Groteske Situationen, witzige Dialoge, originelle Charaktere, slapstickartige Einlagen: Sterben für Anfänger ist ein Film, den man mehr als einmal sehen kann.

Sterben für Anfänger
Regie: Frank Oz
Erscheinungsjahr: 2007

Oh Boy

Niko ist auf der Suche. Auf der Suche nach sich selbst und überhaupt. Er ist 27 Jahre alt und denkt über sich und seinen Vater nach. Das Jura-Studium hat er geschmissen. Und als der Vater das erfährt, dreht er dem Sohn den Geldhahn zu. „Das einzige, was ich jetzt noch für dich tun kann, ist nichts für dich zu tun“ – sagt der Vater, und vorbei ist es mit dem In-den-Tag-Hineinleben.

Schräge Dialoge, die oft ins Absurde abgleiten, geben dem Film den Drive. Sei es der Nachbar, der Obdachlose, die alte Mitschülerin, die beiden Kontrolleure in der U-Bahn. Dazu kommt ein großes Maß an Film-Ästhetik. Bildeinstellungen, Lichteinfälle, die man gerne ansieht. Gelungen ist die Schwarz-Weiß-Optik. Sie lässt den Film ernster wirken, als er wirklich ist, gibt ihm einen sentimentalen Touch. Das tut ihm gut, Tom Schilling wirkt so nicht so jugendlich wie in anderen Filmen. Man nimmt ihm ab, dass er in Berlin das Leben an ihm vorbeiziehen lässt.

Kleine Szenen des Berliner Alltags sind es, ein leiser Film über Berlin und über einen, der sich sucht. Das schönst Zitat aus dem Film bringt Nicos Problem auf den Punkt: „Kennst du das Gefühl, dass dir die Leute um dich herum merkwürdig erscheinen? Und je länger du darüber nachdenkst, desto klarer wird dir, dass nicht die Leute, sondern du selbst das Problem bist?“

Absolut sehenswert!

Oh Boy
Regie: Jan-Ole Gerster
Erscheinungsjahr: Deutschland 2012

Ich werd sowieso Rapper

„Habt ihr gehört, ihr Knechte? Ich war gestern bombe!“ So hört es sich an, wenn Lea Feynberg Schüler aus ihrem Unterrichtsalltag zu Wort kommen lässt. In ihrem Buch „Ich wird sowieso Rapper“ hat die Berliner Lehrerin Momentaufnahmen aus ihrem Unterricht versammelt. Dazu hat sie ihre eigene Biografie eingeflochten.

Dieser zweigleisige Aufbau führt dazu, dass man das Buch nicht nach der Hälfte weglegt. Denn die Berichte aus dem Klassenzimmer verlieren doch nach und nach an Witz und Spannung. Die Schüler haben zwar alle Namen, sind jedoch nicht mit Charakteren versehen. Auch wenn die Kapitel monatsweise gegliedert sind, gibt es keinen Handlungsbogen, der durch das Schuljahr führt. Zwar ist es interessant, die Besonderheiten der Sprache der Jugendlichen zu verfolgen, die sich selbst als Ausländer bezeichnen, obwohl sie in Deutschland geboren sind, das kann jedoch nicht als Thema für ein ganzes Buch genügen. Sätze wie „Ist der hässlich, läuft der ohne Jacke“ oder „ich mache miesestes Referat“ zeigt schön die Sprache der Schüler – irgendwann hat man sich daran aber sattgelesen.

Da ist es gut, dass Lea Feynberg ihre eigene Geschichte mit eingeflochten hat. Chronologisch erfährt man die Stationen ihrer Biografie: die Kindheit als Jüdin in Russland, die Auswanderung nach Deutschland, ihre Schul- und Studienzeit. Interessant wird es dann, wenn Lea Feynberg reflektiert, was sie von ihren Schülern unterscheidet, weshalb ihr im Gegensatz zu ihren Schülerinnen und Schülern ihre Bildung immer wichtig war.  

Dennoch resigniert die Lehrerin an einer Berliner Sekundarschule nicht oder überschüttet ihre Schüler mit Vorwürfen. Stattdessen bricht sie eine Lanze für den Beruf des Lehrers. Ein Beruf, der ihre Berufung zu sein scheint. Da passt meines Erachtens der Buchuntertitel nicht so wirklich: „Erfahrungen einer gut gelaunten Lehrerin“ – als ob es um gute Laune geht oder die Kunst, die gute Laune trotz schlecht gelaunter Schüler nicht zu verlieren. Es geht doch eher um die Erfahrungen einer Lehrerin, die sich die Mühe macht, ihre Schüler verstehen zu wollen.  

Insgesamt also ein Buch, das den Berliner Jugendslang gut wiedergibt, aber auch seine Schwächen hat.  

Lea Feynberg:
Ich werd sowieso Rapper.
Erfahrungen einer gut gelaunten Lehrerin
Kiwi-Verlag,
ISBN 9783462045857

Odessa Star

Herman Kochs Spezialität sind die fiesen Typen. Sie spielen die Hauptrolle in seinen Romanen. So auch in seinem Buch „Odessa Star“, das in diesem Jahr auf Deutsch erschienen ist.

Fred, 47 Jahre alt, ist die Hauptfigur, aus deren Perspektive das Geschehen berichtet wird. Er ist ein ordentliches Ekelpaket. Einer der Männer, die ihre Macht gnadenlos ausspielen, wo es ihnen möglich ist und die sich gnadenlos einschleimen, wo es ihnen hilft. Er bieder sich bei seinem 16-jährigen Sohn an, unterstellt seiner Frau ein Verhältnis. Und er sucht den Kontakt zu seinem früheren Klassenkameraden Max, der ihn aufgrund der kriminellen Machenschaften, in die er verstrickt ist, fasziniert. Im Zentrum der Handlung steht eine Entmietung: die der Mitbewohnerin und Hundebesitzerin, denn die entsorgt den Hundekot nie und sorgt so für eine „Geruchsmischung aus Kamelstall und versiffte Kloanlagen“. Und – welch Überraschung – eines Tages ist eben diese Hundehalterin spurlos verschwunden.

Daraus ließe sich in der Tat ein guter Roman basteln. Dies allerdings gelingt Herman Koch nicht. Sein Roman will zu viel: er will grotesk komisch sein, will abstoßend sein, will provokativ und cool sein, und er will nicht zuletzt spannend und ernüchternd zugleich sein.

Nichts davon gelingt ihm so richtig überzeugend. In der Tat gibt es fantastisch groteske Stellen, zugleich gibt es aber furchtbar alberne Beschreibungen wie die Überlegungen, wie das Liebesleben des Französischlehrers aussehen könnte. Es gibt richtig spannende Kapitel, vor allem zum Schluss hin, es gibt aber auch die totlangweilige Beschreibung des Urlaubs auf Menorca.

Was nach dem Lesen übrig bleibt, ist der schale Beigeschmack der so gar nicht überzeugenden Umsetzung einer ganz passablen Story.

Herman Koch:
Odessa Star
Kiepenheuer & Witsch,
ISBN 9783462045598

Luna und die Sterne

Weil es so schön ist, soll an dieser Stelle ausnahmsweise auch mal ein Bilderbuch vorgestellt werden: „Luna und die Sterne“ heißt die kleine, aber feine Gutenachtgeschichte von August Gral. Die Sternenfee Luna poliert Sterne, wenn sie nachts wach ist. Doch das Schaukeln in einer ihrer Lieblingshängematten macht sie immer müder. Zum Glück gibt es noch die Eule Nubs. Die kann sich weiter um die Sterne kümmern, während Luna sich schlafen legt. Denn: Wer schaut schon zu einem Stern auf, wenn der nicht gepflegt ist und strahlt?

Die hellwache Luna wird nach und nach immer müder, bis sie am Schluss einschläft. Doch das ist nicht das Einzige, was aus dem Buch eine gute Gutenachtgeschichte macht. Luna lässt ihre wichtige Beschäftigung, das Polieren der Sterne, ruhen und kehrt auf die Erde zurück – das verdeutlicht, dass man etwas loslassen muss, um einschlafen zu können.

Überraschend kam für mich die Übertragung, die am Schluss des Bilderbuchs vorgenommen wird: aus Luna, der Sternenfee, wird der Leser oder Zuhörer des Bilderbuchs: „Wie durch ein Wunder verwandelt sie sich in dich und liegt sogleich in deinem Bett.“ So richtig hat mich das nicht überzeugt. Gemeint ist eigentlich nur dass aus der müden Sternenfee ein müdes Kind wird (oder umgekehrt), allerdings schwingt bei dieser Verwandlung ja auch mit, dass das Kind selbst Sternenfee ist …

Das Schriftbild passt sich den Illustrationen an. Mal gerade, mal schräg, allerdings etwas klein gedruckt – wer abends damit wirklich vorlesen will, bei schlechter Beleuchtung mit dem Kind im Arm, wird seine Schwierigkeiten beim Vorlesen haben. Ich kriege das zumindest nicht hin. Gelungen sind die Illustrationen von Stefanie Messing. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche: das Seil am Himmel, die Wolken, die Häuser auf der Erde und regen zu längerem Betrachten an.

August Gral/Stefanie Messing:
Luna und die Sterne
Papierverzierer-Verlag,
ISBN 9783944544007