Seelen im Eis

Odinn heißt der tragische Held in Yrsa Sigurdardottirs neuem Buch „Seelen im Eis“. Es ist nicht der Göttervater Odin, der dem Namen Pate gestanden hat, sondern der Totengott. Denn Odinn Hafsteinssons Leben ist alles andere als erfüllt. Nach dem Tod seiner Ex-Frau Lára kommt er nicht mehr in den Tritt. Er hat einen neuen Job angenommen, der ihn nicht erfüllt. Er hat seine elfjährige Tochter Rún zu sich genommen und muss erkennen, dass er ein schlechter Vater ist. Er wohnt in einem verlassenen Mietshaus, das ihm immer gespenstischer vorkommt und in dem sie schließlich als einzige Bewohner übrigbleiben. Und nicht zuletzt übernimmt er in der staatlichen Kontrollbehörde die Arbeit einer Kollegin, die verstorben ist und kaum brauchbare Unterlagen hinterlassen hat.

Odinns Aufgabe ist es, einen Bericht über das Erziehungsheim Krokur zu verfassen, in dem in den 70er Jahren schwer erziehbare Jugendliche lebten. Wie es dort zuging und was 1974 dort passierte, schildert der zweite Handlungsstrang des Buches. Aus der Sicht von Aldís, die für Hausarbeit eingestellt ist, werden die Ereignisse rund um ein totes Baby und zwei tote Jungen des Heims geschildert. Was war Unfall, was war Mord? – Das ist die Frage, die man sich als Leser immer wieder im Laufe der Handlung stellt.

Die Hauptfiguren sind eindrücklich beschrieben, sei es der unnahbare Odinn, der nicht sicher ist, ob er wahnsinnig wird und sich als alleinerziehender Vater maßlos überfordert fühlt, sei es die junge Aldís, die davon träumt, Stewardess zu werden. Und dann sind da noch die ganz und gar unsympathischen Heimeltern! Das Leben in einem Heim mit all den damit verbundenen Schikanen wie dem Nichtaushändigen der Post ist äußerst eindrücklich geschildert. Wobei eigentlich nur die Heimeltern schlecht wegkommen, alle anderen im Kinderheim Krokur haben doch genügend gesunden Menschenverstand und die „schwer erziehbaren Jugendlichen“ wirken doch sehr leicht erziehbar.

Wie immer bei den Büchern von Yrsa Sigurdardottir ist es spannend herauszufinden, wie die beiden Handlungsstränge – die Gegenwart und die 1970er Jahre – miteinander verbunden sind. Jedoch ist einiges sehr vorhersehbar und manch gelüftetes Geheimnis nicht allzu überraschend. Das ist bei anderen Büchern von Sigurdardottir wie dem „Todesschiff“ so nicht der Fall, daher war ich von „Seelen im Eis“ etwas enttäuscht. Richtig gruselige Szenen gibt es hier außerdem nur selten. Nichtsdestotrotz gelingt es der Krimi-Autorin, immer wieder unerwartete Wendungen in die Handlung einzubauen. Schon dafür lohnt sich die Lektüre!

Fazit:
+: dichte Atmosphäre, zumeist kauzige Figuren, die in ihrer Charakterisierung überzeugen
-: Handlung ist nicht immer so spannend wie man es von einem Thriller erwartet

Yrsa Sigurdardottir:
Seelen im Eis

Fischer-Verlage,
ISBN 9783596195336

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