Bittere Sünde

Dem Bösen kann man das Handwerk nicht legen, ist sich Kommissar Magnus Kalo sicher. Derart desillusioniert macht ihm seine Arbeit als Polizist immer weniger Freude. Zudem hält er seinen Kollegen Roger Ekman, mit dem er seit über 12 Jahren zusammenarbeitet, für einen anstrengenden Mistkerl.
Ein Toter, in einer Gartenlaube gefunden, bringt dann Bewegung in Kommissar Kalos Leben. Erik Berggren heißt der Tote – und bald wird deutlich, dass er vor seinem Tod auf bestialische Weise gefoltert wurde. Wer aber hat ein Interesse daran, einen 40-jährigen Alkoholiker so grausam zu töten?

Doch das ist erst der Beginn des Thrillers. Es folgt in rasantem Tempo Leiche auf Leiche. Und immer wieder die gleiche Art der Folter: Verbrühen des Unterleibs. Hat das etwas zu tun mit dem Hund, der vor langer Zeit auf Berggrens Hof verbrüht wurde? Ist es ein Sexualdelikt? Oder führt die Spur doch nach Lateinamerika, in die Zeit der argentinischen Militärdiktatur? Aber das erklärt noch lange nicht, warum Kommissar Kalos und seine Familie plötzlich ins Visier des Serienmörders geraten. Den gelegten Brand in ihrer Wohnung entdecken sie aber gerade noch rechtzeitig. Mehr wird aber nicht verraten!

Liselotte Roll gibt in ihrem Thriller ein rasantes Tempo vor. Der Täter scheint der Polizei um Längen voraus zu sein. Dass der Erzähler vieles andeutet, anderes aber verschweigt, sorgt außerdem für die große Spannung, die bis zum Schluss anhält. Die oft unerwartete Entwicklung der Handlung tut ihr Übriges dazu. Ein wirklich gelungener Thriller!

Liselotte Roll:
Bittere Sünde

Egmont-Verlag,
ISBN 9783802592256

50/50

Mit 27 Jahren erhält Adam die Diagnose Krebs. Die Chancen fürs Überleben, googelt Adam, stehen 50/50. Was nun? Beinahe nüchtern informiert er seine Freundin und seinen besten Freund Kyle, dann seine Eltern. Wie die Umwelt von Adam auf diese Nachricht reagiert, das ist der eine Teil von 50/50. Wie Adam selbst damit umgeht, der andere. Der Film changiert dabei immer wieder von Ernst zu heiterer Fröhlichkeit. Wenn die Mutter sich zuallererst darüber beschwert, dass Adam mehrere Tage gewartet hat, bevor er sie informierte. Wenn die Mutter sofort zu Adam ziehen will, um sich um ihn zu kümmern. Wenn die Mutter als allererstes der Therapeutin ihres Sohnes sagt, sie bemuttere ihn nur aus Liebe so sehr. Dann, ja: dann ist das komisch. Urkomisch sogar. Wenn Adams Freund Kyle medizinisch verordnetes Gras besorgt, mit der Begründung, damit seiner Nachtblindheit Herr zu werden Dann ist das komisch. Saukomisch sogar. Wenn Adam die Bilder „Befreiung“ und „Unterdrückung“ seiner Freundin verwechselt – dann ist das komisch. Zum Schreien komisch.

Wenn aber der Moment der Diagnose mit dem ungläubigen Zweifeln dargestellt ist, wenn dann die unbeholfenen Versuche der Therapeutin gezeigt werden, zu helfen. Wenn Adam absichtlich verkehrt in eine Einbahnstraße einbiegt. Dann ist der Ernst wieder in den Film eingezogen. Und wenn dann auch noch eine sanfte Liebesgeschichte entsteht, dann nimmt man das nur zu gerne an, wenn es auch alles andere als realistisch ist.

Der Film besticht aber nicht nur durch die gelungen Mischung aus Ernst und Humor, sondern auch durch die gelungenen, gestochen scharfen Dialoge. Es werden klare, schräge Charaktere gezeichnet, die klare, schräge Dialoge halten.

Ein rundum gelungener Film!

50/50 – Freunde fürs (Über)Leben
Regie: Jonathan Levine

Erscheinungsjahr: 2011

Inglourious Basterds

Gestern mal wieder Inglourious Basterds angeschaut. Und wieder war ich fasziniert davon, wie sehr dieser Film die Geschichte gegen den Strich bürstet, eine Geschichte schafft, die mehr fragt, als „was wäre, wenn …“.

Denn: Es geht um Bilder. Um Bilder, die da sind, und um Bilder, die geschaffen werden. Was da ist, ist unser Bild vom Nationalsozialismus. Unsere Voreinstellungen – die klassischen Filmbilder, die uns den Nationalsozialismus erklären, zum Beispiel Hitlers Reden, sein Tonfall, seine ausladende Gestik.

Und es geht um Gegenbilder, um einen Bauernhof, der einsam in der Landschaft steht. Um einen  Bauern, der Juden versteckt. Um eine gestörte Idylle. Es wird der Judenjäger inszeniert, der Juden dort sucht, wo Ratten sich eben verstecken würden. Und dann entsteht Stück für Stück das Gegenbild: die Nazi-Jäger, die Nazi-Skalps sammeln.

Bis dann ein Roadmovie á la Tarantino beginnt, das bis zum Showdown geht. Mit Nachklapp.

Tarantino will nicht einfach die Frage stellen, was gewesen wäre, wenn es vielleicht wirklich schlagkräftige jüdische Widerstandsgruppen gegeben hätte. Der Film inszeniert sie vielmehr auf der Folie der Nazis. Das will den jüdischen Widerstand weder auf- nach abwerten. Es ist einfach so, weil Tarantino es so will. Und das will er so, weil er daran eine Geschichte spinnen kann, die vielerlei Wendungen hat. Von Shosanna, dem jüdischen Mädchen, deren Familie von dem Nazi Landau umgebracht wird, und die dann als Kinobesitzerin die Möglichkeit zur Rache hat, bis zu dem Nazi, der die Gunst der Stunde nutzen will und seine Schäfchen ins Trockene zu bringen sucht.

In der Rezension der FAZ hieß es, es seien triviale Bösewichter dargestellt – wenn man sich anschaut, an welchen Filmstellen Hitler bei der Premiere von „Stolz der Nation“ lacht, kann man dem nur zustimmen.  Was bleibt ist am Schluss die Frage: Wer sind den nun die inglourious basterds?

Inglourious Basterds,
Regie: Quentin Tarantino

Erscheinungsjahr: 2009

300 kByte Angst

In diesem Jugendkrimi der Schwarzlichter-Reihe machen sind Bender, Sandro und Mark mit einem Gewalt-Video konfrontiert, das Bender auf seinem Handy entdeckt. Es zeigt, wie zwei Männer ein Mädchen vergewaltigen. Wie kommt es auf Benders Handy? Und wer sind die zwei Männer hinter den Gorillamasken? Und ist das junge Mädchen nicht auf Benders Konzert gewesen?

Die drei beginnen mit ihren Ermittlungen – und gehen dabei ganz unterschiedlich vor. Der eine interessiert sich für die Gründe, weshalb jemand Gewaltfilme dreht und tauscht und will einen Text über Happy Slapping für die Schülerzeitung schreiben, der andere versucht, die Täter zu finden, indem er die Leute kennenlernen will und dreht deshalb selbst einen kleinen Film, zum Tauschen. Wo endet der Spaß, wo beginnt der Ernst? – das ist eine Frage, die man mit diesem Buch diskutieren kann. Auch, weil die drei Hauptpersonen da unterschiedliche Ansichten haben.

Belehrend wirkt das Buch nicht – das wohl vor allem deshalb, weil keine Erwachsenen auftauchen (naja, so gut wie keine …). Die Jungs regeln das unter sich – auch wenn es am Schluss fast schiefgeht …

Boris Koch schreibt flüssig, „jugendgerecht“, wie es so schön heißt. Dennoch: So richtig überzeugt hat mich das Buch nicht. Es wirkt auf mich an manchen Stellen zu konstruiert, zu vorhersehbar, zu gewollt.

Boris Koch:
300 kByte Angst

Gulliver/Beltz und Gelberg
ISBN 9783407740960

Die Nacht von Shyness

Es ist eine ganz und gar skurrile Welt, in die Leanne Hall uns da entführt. Eine Gegend (ja, nur eine Gegend!), in der die Sonne nicht mehr aufgeht, Shyness genannt. Ein Paralleluniversum, in dem andere Regeln zu gelten scheinen. Jugendgangs sind unterwegs, verlassene Häuser werden einfach in Besitz genommen.

Und dann gibt es da noch Dr. Gregory, ein mysteriöser Arzt, der es sich zum Ziel gesetzt hat, allein Shyness zu behandeln. Wogegen und warum? So richtig klar wird das im Laufe des Buches nicht.

Auch die Bedeutung der Affen bleibt unklar – warum gibt es so viele von ihnen? Und sind sie nun wirklich dressiert? Und warum sind die Jugendgangs zuckerabhängig? Gute Ideen und schwachsinnige Albernheiten geben sich in diesem Buch die Klinke. Es ist eine recht unausgegorene Parallelwelt, die einen da erwartet. Prädikat: nicht lesenswert.

Leanne Hall:
Die Nacht von Shyness

Aufbau Jugendbuch,
ISBN 978-3351041540
 

Krieg ich schulfrei, wenn du stirbst?

Jess Jochimsen gelingt es in diesem kleinen Bändchen mit 140 (mit weitem Abstand bedruckten) Seiten, kleine Familienprobleme aufs Korn zu nehmen. Meist sind es die Fragen von Sohn Tom, die den Vater zum Haareraufen bringen.

Was der kleine Mann da alles wissen will, und was ihn alles so bedrückt! Drei bis fünf Seiten dauert jeweils eine Geschichte, die nicht unbedingt zum Brüllen komisch ist, sondern die einem das Grinsen aufs Gesicht zaubert. Nur an wenigen Stellen, wie dem „Schlachtgesang des Rabenvaters“ ist der Bogen überspannt und das Ganze wirkt moralisierend-nervend.

Ein Buch also, das sehr leichtfüßig daherkommt und in kleinen Dosen gut vorm Einschlafen gelesen werden kann.

Jess Jochimsen:
Krieg ich schulfrei, wenn du stirbst?

dtv,
ISBN 978-3-423-34715-0

Mitternachtssonne am Fjord

Elfie Ligensas Buch „Mitternachtssonne“ hat mich nicht so richtig überzeugt. Vorsichtig ausgedrückt.  Zu viel der Handlung ist vorhersehbar, Spannung ist nur am Anfang vorhanden. Die Hauptperson, Dr. Andrea Sandberg, Ärztin aus Deutschland, die nach Norwegen ausgewandert ist, verliebt sich – anfangs in zwei Männer, jedoch ist sehr schnell klar, dass sie sich eigentlich nur in den Guten verliebt hat. Wie soll es auch anders sein. Eher irritierend waren für mich die vielen Zufälle und übersinnlichen Begegnungen. Dass immer da geschossen wird, wo zufälligerweise eine der Hauptfiguren ist, wirkt doch äußert konstruiert und willkürlich. Und dass der verunglückte Ehemann von Andrea Sandberg fast genauso aussieht wie dessen Cousin ist alles andere als überzeugend. Und warum ständig irgend ein Same oder eine Samin auftaucht, der/die irgendetwas prophezeit, was dann eintritt (oder auch nicht), geht einem ganz gewaltig auf den Wecker.

Die Mischung aus Liebesgeschichte und Krimi, die Ligensa aufbietet, könnte funktionieren – wäre da nicht sehr viel Monotones. Ständig wird die Ärztin zu irgendeinem Notfall gerufen. Das ist anfangs nett zu lesen, weil das Eigenbrödlerische der Lofoten-Bewohner deutlich wird, aber irgendwann will man nur noch wieder zur eigentlichen Handlung zurückkehren. Außerdem hat Ligensa die Unart beim Schreiben, so gut wie alles über Dialoge mitzuteilen. Nichts, was für die Handlung relevant ist, wird einfach schön erzählt. Nein, es muss immer geredet werden. Dabei ist die Qualität der Dialoge teilweise recht grenzwertig. Wer würde bei einem Gespräch bitte sagen: „Das Land aus Feuer und Eis, wie man Island auch nennt, wäre es allerdings wert, genauer erkundet zu werden“??? Dass Küsse eine „süße kleine Ewigkeit“ dauern, dazu führen, dass der „Gipfel der Lust“ erklommen wird,. kommt einem doch sehr altbacken vor.

Überzeugender sind die geographischen Bezüge, die Ligensa in Norwegen und Grönland dargestellt hat. Vieles ist dem Norwegen-Urlauber da bekannt.

Fazit: Der Plot ist sehr einfach und kaum spannend konzipiert, die Liebesgeschichte eher eine Liebesschnulze und handwerklich bewegt sich der Roman oft auf dünnem Eis.

Elfie Ligensa:
Mitternachtssonne am Fjord

Ullstein Verlag,
ISBN 9783548284378